"Plattform-Ökonomie – Quo vadis Pflegebranche?"

02.10.2019 | Externe Artikel

von Edward Poniewaz, Geschäftsführer der GmbH

Wie wird die Plattform-Ökonomie die Pflegebranche verändern? Wer wird zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern zählen? Vieles hängt von den Entscheidungen ab, die die Akteure der Branche selbst treffen werden.

Wir befinden uns in der Mitte eines historischen Umbruchs, den spätere Generationen vielleicht mit der Einführung der Elektrifizierung vergleichen werden. Und trotzdem sprechen wir im Alltag eher selten über Plattform-Ökonomie. Für unsere privaten Anliegen nutzen wir bereits ständig Plattformen, über die wir beispielsweise ein Hotel buchen oder den Stromanbieter wechseln. Sogar die private Immobilienfinanzierung wird seit vielen Jahren über Plattformen erfolgreich abgewickelt. Finanzierungsportale wie Check24, Interhyp und Finanzcheck haben im Privatkundenbereich gezeigt, wie sie für ihre Kunden einen Mehrwert in Form von Angebotsvergleichen, Komfort, Einfachheit und Zeitgewinn schaffen. Mittlerweile existiert auch eine Vielzahl an Finanzierungsportalen, die sich auf gewerbliche Kunden spezialisiert hat – und das mit Erfolg.

Was im privaten Bereich bereits unwiderruflich vorangeschritten ist, wird auch den gewerblichen Sektor und die Sozial- und Gesundheitswirtschaft dauerhaft prägen. Bisher etablierte Angebote, Vertriebskonzepte, Dienstleistungen und vor allem die Kundenkommunikation unterliegen aktuell einem disruptiven Veränderungsprozess.

Plattform-Modelle für die Pflege

Schon heute erfolgen mehr als 50 Prozent der Hotelbuchungen über digitale Kanäle und Plattformen (Branchenreport IHA, Hotellerie in Deutschland 2017). Es ist daher nur logisch, wenn pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen sich auch in Fragen der Pflege mit Hilfe von Plattformen eingehend informieren wollen: Wie sieht die Wohn- und Versorgungslandschaft in meiner Region aus? Welche Optionen habe ich und welche Versorgungsform passt zu mir? Stehen Preis und Leistung in einem angemessenen Verhältnis? Kann ich direkt Leistungen abrufen und wird dies auch sektorenübergreifend möglich sein?
Wer diese Fragen als Plattformanbieter zielführend beantworten kann, zählt in Zukunft zu den Gewinnern.

Werden die großen Plattformen in der Pflege mitmischen?

Laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) basieren sieben der zehn weltweit wertvollsten Unternehmen auf dem Plattform-Modell. Natürlich handelt es sich dabei um die allbekannten Player aus den USA. Sie verfügen über Geld, Know-how und Technik. Dennoch ist anzunehmen, dass der deutsche Pflegemarkt für sie zu speziell und kleinteilig ist, um mitzumischen.

"Bisher etablierte Angebote, Vertriebskonzepte, Dienstleistungen und vor allem die Kundenkommunikation unterliegen aktuell einem disruptiven Veränderungsprozess." Edward Poniewaz

 

Werden Verbände zu Plattformanbietern?

Die Pflege ist in Deutschland traditionell über die Verbände gut organisiert. Seit jeher nehmen sie die Interessen ihrer Mitglieder wahr und ermöglichen die Bildung verschiedener Netzwerke, Kooperationen und Cross-Selling-Angebote. Das sind analoge Strukturen. Allerdings wird selten auch in der analogen Welt verbandsübergreifend agiert, da sie sich teilweise in einer Wettbewerbssituation sehen. Um jedoch langfristig zu bestehen, müssen sich Verbandsplattformen verbandsübergreifend bzw. allen öffnen. Ansonsten widerspräche dies dem Grundgedanken der Plattform-Ökonomie.

Die neue Logik ist der offene Zugang, sowohl für Kunden als auch für Leistungserbringer. Mit der digitalen Perspektive bietet sie verschiedene Mehrwerte in Form von Bequemlichkeit, Transparenz und Zeitgewinn. Erfolgreiche Plattformen kennen keine Verbands- und Unternehmensgrenzen, sie punkten durch funktionale Einfachheit, Offenheit und erlauben einen Marktüberblick. Gemeint sind damit auch lose Formen von Angebotsketten, die oftmals über Branchengrenzen (Gesundheitsberufe, Sanitätshäuser, Apotheken, Wohnungsgenossenschaften) hinweg passende Angebote für Kunden zusammenführen.

"Die neue Logik ist der offene Zugang, sowohl für Kunden als auch für Leistungserbringer." Edward Poniewaz

 

Wie wirken sich Plattformen auf bestehende Herausforderungen in der Pflege aus?

Zur Bewältigung der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, wie beispielsweise gute Pflege-Fachkräfte zu gewinnen und zu binden, offerieren Plattformen neue Gestaltungsmöglichkeiten. Sie optimieren die Prozesse im Sinne von Qualität und Kosten und erschließen zusätzliche Ertragsquellen. Zudem ermöglichen Plattformen auch kleineren, spezialisierten Dienstleistern, ihre Angebote auf Augenhöhe mit den großen Playern im Pflegemarkt zu platzieren. Insgesamt dürfte der Pflegemarkt durch diese Entwicklungen bunter und vielfältiger werden. Ferner tragen digitale Marktplätze dazu bei, dass sich die Marktanteile schneller und stärker als bisher verschieben werden.

Was, wenn die Kranken- und Pflegekassen zu Plattformanbietern mutieren würden?

Die Kranken- und Pflegekassen befinden sich als Leistungsträger in der „Pole Position“ und können den Markt so dominieren, dass etablierte Unternehmen ihre Angebote anpassen müssen.
Stellen Sie sich vor, eine Online-Plattform der Krankenkassen unterstützte sämtliche Prozesse in der Leistungserbringung und in der Qualitätssicherung. Beginnend mit der Ausschreibung und Vergabe, gefolgt von der Planung, Kontrolle bis zur Abrechnung und Buchhaltung der Leistung für den Leistungserbringer; auch die pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen könnten auf diese Plattform zugreifen, um beispielsweise die Leistungserbringung zu bewerten. Es entstünde ein mächtiges digitales Ökosystem, das den Pflege- und Gesundheitsmarkt dominieren und damit die bisherigen Wettbewerbsregeln beseitigen würde. Hinzu käme, dass Anbieter digitaler Ökosysteme nicht nur Dienstleistungen und Angebote der verschiedenen Akteure bündeln würden, sondern auch gezielt eigene Angebote positionieren könnten. Wer beispielsweise als Softwareunternehmen die Leistungsplanung und Abrechnung in der Pflege anböte, könnte auf einmal im Wettbewerb mit einer dominierenden Plattformlösung stehen.

Dieses Beispiel zeigt, dass nicht nur die Geschäftsmodelle der Leistungserbringer, sondern auch die der Dienstleister sich verändern werden. Einige Leistungsträger, Verbände und große Unternehmenseinheiten bauen bereits eigene Plattformen auf. Oder aber sie beschäftigen sich intensiv mit diesem Gedanken, um ihre Zukunft zu sichern.

Quelle: sgp-REPORT 15 (2019), S. 8f.

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